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. . . denn Sven ist Fanvon Micha Bustian "Ja! Jaaa!" Sven Kröger springt auf, ballt die Fäuste. Nicht einmal 60 Sekunden sind beim Bundesliga-Auftakt vergangen, da hat der Belgier Bart Goor für Hertha BSC Berlin erstmals getroffen. Für Svens Hertha. Denn Sven ist Fan. Und als solcher hat er alles Menschenmögliche unternommen, um beim Startschuss in die Serie 2002/2003 gegen Borussia Dortmund live dabei sein zu können. Zumindest vor dem Fernseher.
Eigentlich hätte Sven jetzt selber Training. Der 34-Jährige ist Fußballer mit Leib und Seele, jubelt nach Toren wie kein zweiter und schimpft auf dem Platz wie ein Lehrer, dessen gesamte Klasse die Hausaufgaben vergessen hat. Wenn jemand aus seinem Team am Wochenende aus privaten Gründen ein Spiel verpasst, sagt er abfällig: "Was bist du denn für ein Fußballer?" Doch diesmal hat seine Mannschaft die Übungseinheit extra eine Stunde vorverlegt. Wegen Sven, wegen Hertha. Nun sitzt die Hälfte der Truppe im dunklen Vereinsheim des 1. FC Wilmersdorf und schaut in die Glotze. Mehr oder weniger begeistert. Sven mehr, die anderen weniger. Aber die Begeisterung über Herthas Führung hält nicht lange an. Schon drei Minuten später gleicht Borussia Dortmund durch Torsten Frings aus, und als die Westfalen noch vor der Pause in Führung gehen (Ewerthon), wird klar: Die Berliner Defensive hat nicht ihren besten Tag. Dieser Eindruck verstärkt sich nach dem Seitenwechsel noch. Sven muss häufig zittern. Nach Andreas Schmidts elfmeterreifem Foul an Otto Addo atmet er tief durch, Thomas Rosickys Freistoß an den Pfosten lässt ihn zusammenzucken, beim nicht anerkannten Tor von Alex Alves steigt sein Adrenalinspiegel auf knapp unter unendlich. "Das ist teilweise nicht mehr normal", weiß Sven. "Ich will mich gar nicht so aufregen. Ist doch nur ein Fußballspiel." Doch meistens bleibt es beim frommen Wunsch. Denn Sven ist Fan. Mit jeder Faser seines Körpers. Und der hat viele Fasern. Fahnen, Autogrammkarten und MachtgefühlDer Grundstein für diese Liebe wurde im Jahr 1976 gelegt. Sein Vater nahm ihn, den damals Achtjährigen, mit ins Olympia-Stadion – Berliner Derby zwischen Hertha und Tennis Borussia. "Vorher bekam ich meine eigene Hertha-Fahne, doch das Spiel hat mich überhaupt nicht interessiert", schmunzelt Sven. "Ich bin die Treppen hoch und runtergerannt, und das einzige Tor, das ich mit meiner Fahne bejubelt habe, war das für TeBe." Was seinem alten Herrn sauer aufstieß: Er wolle Sven nicht mehr mitnehmen, Sven sei noch zu klein für so etwas. Das saß! Zu klein, nein, das wollte er nicht sein. A Fan was born – quasi aus Trotz. Zwei Jahre später hatte ihn der Hertha-Bazillus endgültig befallen. Mit Trikot, riesiger Fahne und Kutte ging es zu jedem Heimspiel, selbst in der Schule trugen Sven und seine Kumpels diese Klamotten. "Wir waren ziemlich cool damals." In diese Zeit fiel auch das erste Auswärtsspiel: DFB-Pokalfinale in Hannover, Hertha gegen Fortuna Düsseldorf. Und schon der Kartenkauf brannte sich unauslöschbar in sein Gehirn ein: "Auf der Geschäftsstelle trafen mein Vater und ich den damaligen Trainer Kuno Klötzer. Wir redeten ein bisschen miteinander, und anschließend bekam ich eine Autogrammkarte von Klötzer und eine von der ganzen Mannschaft. Das war einer der schönsten Augenblicke für mich." Das Spiel weniger. Denn als es in der Verlängerung 1:1 stand, machten sich Sven und sein Vater auf den Heimweg – aus verkehrstechnischen Gründen. Und als Sven im Radio hörte, dass Fortuna den Siegtreffer erzielt hatte, regte er sich im Wagen derart auf, dass ihn Papa Kröger fast auf der Autobahn zurückgelassen hätte. Mitten in der DDR. Nun ging es Sprosse für Sprosse hoch auf der "Karriereleiter". Mit Hertha durch Dick und Dünn – von der Bundesliga über die Oberliga bis zurück zur Champions League, in guten und in schlechten Zeiten. Denn Sven ist Fan. Und Fans sind treu. Die Stadien von Meppen bis Manchester hat er in seiner nunmehr 26-jährigen Laufbahn gesehen. Er ist mit Fanclubs in Sonderzügen zu Auswärtsspielen gereist und genoss den Respekt des Gegners. "Das war ein geiles Gefühl, wenn im Bahnhof die Zugtüren aufgingen und das ’HaHoHe – Hertha BSC’ in jedem Winkel zu hören war. Und wenn die anderen tuschelten: Da kommen die Hertha-Frösche." Respekt, der an Angst grenzt. Respekt, der manchmal auch mit Handgreiflichkeiten erworben wurde. "Das war eine Art Spiel. Die anderen hatten Schiss, für uns war es ein Machtgefühl." Die Gewichte haben sich verschobenDoch diese Zeiten sind vorbei. Die Gewichte haben sich verschoben. Jede Auswärtsfahrt wird mit einem Wochenendausflug inklusive Stadtbesichtigung verbunden, Stadienarchitektur rückt in den Mittelpunkt, die Geschichte von Hertha BSC wird interessant. Und Sven schaut zufrieden zurück. Zum Beispiel nach Rom. Auf den 8. Juli 1990. An diesem Ort, an diesem Tag wurde die deutsche Nationalmannschaft Weltmeister. Sven hatte keine Karte, ist einfach über einen Zaun geklettert, um das Endspiel gegen Argentinien live miterleben zu können. "Als Andreas Brehme den entscheidenden Elfmeter verwandelt hat, bin ich total ausgerastet", erzählt er, und als Zuhörer bekommt man eine Gänsehaut. "Wir – die beste Mannschaft der Welt. Geil!" Hertha für den Regionalstolz, Deutschland für den Nationalstolz. Sven ist ruhiger geworden. "Ich bin emotional immer noch voll dabei, aber ich oute mich nicht mehr als Fan." Keine Kutte mehr, keine Fahne mehr, keine Schläge mehr, "und ich brülle auch keine Schlachtengesänge mehr". Gefühle kommen trotzdem hoch. So wie im vergangenen Jahr, als der Herthaner Marco Rehmer vom Kölner Christian Springer krankenhausreif getreten wurde. Da hat Sven im Müngersdorfer Stadion in einer Lautstärke und einer Wortwahl herumgeschimpft, das es ihm hinterher sogar selbst peinlich war. "Da habe ich mich zu Hause bei meiner Freundin entschuldigt." Apropos Freundin: Irmela hat er natürlich beim Fußball kennen gelernt. "Das war so eine Art Blind Date im Olympiastadion", sagt er augenzwinkernd. Der Fußball hat Sven viel gegeben. Identifikation, Treue, Liebe, Spaß, Zugehörigkeitsgefühl. Was ihn allerdings wirklich stört, was er überhaupt nicht verstehen kann, sind Leute, die ihre eigene Mannschaft auspfeifen. "Diese Modefans sind ein richtiges Ärgernis. Sobald es nicht richtig rund läuft, wird gemeckert. Von den Spielern werden Wunderdinge erwartet, weil sie so viel Geld verdienen. Dann sollen die halt zu Hause bleiben. Lieber stehe ich dann mit 5000 Leuten im Stadion, aber mache richtig Stimmung." Diese Menschen sind ihm derart ein Dorn im Auge, dass sie ihm sogar den Stadionbesuch verleiden könnten, "wenn das Überhand nimmt". Aber so weit ist es noch lange nicht. Denn Sven ist Fan. Fan aus Leidenschaft. "Ich lebe das, ich fühle das. Es bedeutet, dass ich lebe!" Und wie. "Ein Titel wäre schön""Ja! Jaaa!" Minute 85 im Westfalenstadion zu Dortmund. Marcelinhos Pass erreicht Andreas Neuendorf. Der ist schneller als zwei Gegenspieler und schiebt den Ball zum 2:2-Endstand ins Netz. Wieder springt Sven auf, diesmal fällt sogar der Stuhl vor lauter Begeisterung um. Dass ausgerechnet die beiden Herthaner für den Ausgleich sorgen, die Sven vorher am meisten kritisiert hat, stört ihn überhaupt nicht. Denn Sven ist Fan. Ein Fan vergibt schnell und ist von Natur aus optimistisch: "Wäre schön, wenn Hertha mal wieder einen Titel gewinnen würde. Meisterschaft, DFB-Pokal, UEFA-Cup – egal. Hauptsache nicht wieder nur diesen dämlichen Liga-Pokal."
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