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Grenzerfahrungvon Christine Maier
Es ist heiß, zu heiß um sich zu bewegen, zu heiß um zu atmen. Ich stehe auf einem Bein, habe Arme und Beine verknotet und kämpfe um mein Gleichgewicht. Jeder Muskel meines Körpers ist angespannt, der Schweiß rinnt in Strömen, und ich habe das Gefühl, jeden Moment zu kollabieren. Das Ganze nennt sich "Adler" und ist eine Yogastellung. Ich bin seit 15 Minuten in meiner ersten Bikram-Yogastunde - und habe keine Ahnung, ob ich die nächsten eineinviertel Stunden bis Unterrichtsende überlebe … Und das soll entspannend, gar gesund sein?
Bikram-Yoga ist der coolste Yogatrend zurzeit. Michael Jackson soll es praktizieren, Barbra Streisand, John McEnroe, halb Hollywood und die ganze Model-Szene. Dabei ist "cool" beim besten Willen nicht wörtlich zu nehmen. Denn eine Besonderheit dieser Yogaart ist, dass sie in einem Raum stattfindet, der auf 40 Grad aufgeheizt ist. Das soll Muskeln, Sehnen und Gelenke schön geschmeidig machen, die Drüsen anregen, und durch das Schwitzen werden Schlacken und Giftstoffe aus dem Körper ausgeschieden. Angeblich gewöhnt man sich an die Hitze, verspricht die Trainerin. Nach einigen Yogastunden soll man es fast genießen. Noch kann ich mir das nicht vorstellen! Ich empfinde es als belastend, alles im Körper rebelliert dagegen. Die Gedanken laufen Amok. Nur der Wille - und die Angst mich vor den anderen Kursteilnehmern zu blamieren, wenn ich jetzt aufgebe - lassen mich weitermachen. Mit Anstrengung zur FaszinationZu der belastenden Hitze kommt, dass die Übungen sehr anstrengend sind, denn die Stunde ist anders aufgebaut, als ich es aus dem "normalen" Hatha-Yoga kenne. Zwar sind es auch im Bikram-Yoga die klassische Asanas (Yogastellungen), aber sie sind in einer schnellen, festgelegten Abfolge mit nur kurzen Entspannungsphasen aneinandergereiht. Insgesamt sind es 26 unterschiedliche Stellungen, die je zweimal wiederholt werden, dazu kommen zwei Atemübungen. Nach der ersten Hälfte der Unterrichtseinheit, bei der alle Übungen im Stehen gemacht werden, ist die zweite Hälfte mit Bodenübungen fast entspannend. Plötzlich spüre ich die Faszination von Bikram-Yoga. Mein Körper hat sich durch die bisherigen Herausforderungen verändert: Ich bin geschmeidiger, weicher, habe ein intensiveres Gefühl zu meinem Körper aufgebaut, der Atem fließt tief und ruhig, die Gedanken haben erschöpft den Widerstand aufgegeben, und die Entspannungsphasen sind zwar immer noch kurz, aber intensiv. Am Ende der Stunde fühle ich mich bleischwer und gleichzeitig bin ich energetisiert, hellwach, bereit Bäume auszureißen - allerdings momentan am liebsten ohne mich zu bewegen. Entwickelt wurde Bikram-Yoga von dem indischen Yoga-Meister Bikram Choudhury, um die Folgen einer schweren Knieverletzung auszukurieren. Er kombinierte die Jahrtausende alten Asanas - um deren gesundheitliche Wirkung er wusste - zu einer schnellen, kraftvollen Abfolge, um möglichst schnell und effektiv zum Ziel zu kommen. Shirley McLaine entdeckte ihn und lud ihn nach Amerika ein, um dort zu lehren. Inzwischen hat er seit mehr als 30 Jahren in Kalifornien ein großes Zentrum, in dem er auch seine Yogalehrer ausgebildet. In Amerika boomt Bikrams Yogavariante, inzwischen schwappt die Welle auch nach Europa. Erst kürzlich hat ein neues Bikram-Yogacenter in Berlin geöffnet. Mit Wut und Frust zur VeränderungEiner der beiden Leiter des Zentrums, die Yogalehrerin Elizabeth Arnold, schmunzelt, als ich ihr von meinen inneren Kämpfen, meiner Wut über die Hitze, meinem Ärger über die schnelle Abfolge der Übungen berichte. Genau darum geht es. Bikram will, dass Wut, Ärger, Hilflosigkeit und Ängste an die Oberfläche kommen. Denn oft ist das anstrengende Yoga nur ein Auslöser um an eine tief sitzende Emotion heranzukommen, die nun zum Ausdruck kommt. Auch auf diese Weise werden - wie durch das Schwitzen - "Giftstoffe" an die Oberfläche und aus dem Körper herausgebracht. Das ist auch einer der Gründe, weshalb ein Bikramstudio große Spiegelwände hat. Der Yogapraktizierende wird ständig mit sich konfrontiert, wird dazu angehalten hinzuschauen, zu erkennen und zu korrigieren. Und das Schöne daran: All das funktioniert auf der körperlichen Ebene. Und zwar Yogastunde für Yogastunde. Deshalb ist es auch ganz und gar nicht langweilig, Tag für Tag, Jahr um Jahr exakt die gleiche Übungsabfolge zu praktizieren. Jede Yogastunde bringt andere Herausforderungen, denen man sich stellen muss, denn es gibt keine Möglichkeiten aus dem Übungssystem zu flüchten. Und jede Stunde ist ein kleiner Sieg, ein sich Weiterentwickeln, weiter gehen. Und das Allerschönste - jetzt lacht die Yogalehrerein mit blitzenden Augen - Bikram-Yoga funktioniert, ob man über die Zusammenhänge weiß, oder nicht, allein dadurch, dass man es macht. Jung, gesund und schönObwohl Bikram-Yoga eine sehr anstrengende Yogavariante ist, eignet sie sich für jedes Alter. Denn jeder hat seine eigenen Grenzen, an die er herangeht und mit denen er umgehen lernt. Jeder muss für sich selbst entscheiden, wann er sich der Grenze beugt und eine Übung aussetzt. Elizabeth erzählt von ihrer 62-jährigen völlig unsportlichen Mutter, die mit ihrem Willen nicht aufzugeben beeindruckte und die, seit sie Yoga macht, viel jünger, dynamischer, glücklicher geworden ist. Von dem inzwischen 86-jährigen Kalifornier, der Bikram-Yoga im Alter von 74 Jahren entdeckte und damit seine Alzheimerkrankheit in den Griff bekam. Sie berichtet, dass Bikram-Yoga eine sehr wirkungsvolle Unterstützung bei Entzug jeder Art ist - sei es Alkohol, Rauchen oder Drogen -, da der Prozess der Entgiftung viel schneller passiert als im Normalfall. Und sie schwärmt von verändertem Körperbewusstsein, von erhöhter Konzentrationsfähigkeit, von besserem Selbstbewusstsein und von der inneren Schönheit der Menschen, die sich automatisch einstellen, wenn sie eine Weile Bikram-Yoga betreiben. Selbst für sie als Profi, die seit einigen Jahren täglich Bikram-Yoga übt, bringe jede Einheit Kontakt zu den eigenen Grenzen. Und manchmal, gibt Elizabeth mit einem schelmischen Augenzwinkern zu, habe auch sie das Gefühl, in der Hitze kaum atmen zu können und jeden Moment zu kollabieren. Aber sie weiß dabei, dass genau die Unterrichtstunden, die am schwersten sind, die positivsten Auswirkungen haben. Und ganz ehrlich: Ich glaube ihr das. Denn ich treffe viel zu selten einen Menschen, der so ausgeglichen, glücklich und strahlend wirkt wie meine Yogalehrerin. Berliner BikramstudioWer Bikram-Yoga selbst einmal ausprobieren möchte, findet alle Informationen rund um das Berliner Bikramstudio auf deren Website. Bikram Choudhury beantwortet auf seiner (englischen) Website alle Fragen, die sich rund um sein Yoga stellen. Außerdem ist hier das Forum für all seine Schüler und die von ihm ausgebildeten Yogalehrer.
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