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Der Stein der Männlichkeitvon Micha Bustian Graham Mullins ist hoffnungslos übergewichtig. 165 Kilo - ein dickes Ding! Könnte man meinen. Aber der Mann ist fast zwei Meter lang, in jeden seiner Oberarme passen zwei Medizinbälle, für seinen Brustumfang braucht man ein Zentimetermaß der Größe XXXXL, und seine Oberschenkel gingen auch als Felsen in Stonehenge durch. Graham Mullins, 36 Jahre alt, Schotte, Highlander,"British Strongest Man 1996", Statist in Russel Crowes Kino-Erfolg "Gladiator". 165 Kilo, aber kein Gramm zu viel. Bei den "Dimple Highland Games 2002" allerdings landete dieser muskelbepackte Wandschrank nur unter ferner liefen. Der stärkste "Schotte" vor fast 8000 Zuschauern in der Zitadelle Spandau war ein in Polen geborener Berliner mit dem typisch deutschen Namen Omar Orloff.
Schottische Tradition, deutsche Volksbelustigung Die Highland Games - schottische Tradition, deutsche Volksbelustigung. Hier ist noch Platz für echte Kerle, hier wird nicht irgendein Stein gestoßen, sondern der Stein der Männlichkeit,hier regiert das Patriarchat. Muskeln, Tattoos, Schweiß, animalische Schreie, knappe Kleidung.Zur Freude der zahlreich erschienenen Frauen. Neben allen Muskelspielen interessierte die vor allem die Frage: Was trägt der Schotte unter dem Rock? Als Colin Bryce das Geheimnis für Sekundenbruchteile lüftete, schallte ein spitzer Schrei durch den Innenhof der Zitadelle. Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten. Na gut, ein bisschen: Es ist vollkommen unerotisch.Es sei denn, frau ist Fetischistin - für orthopädische Unterwäsche. Die Herren der Schöpfung hingegen fassten im Laufe der Veranstaltung vor lauter Bewunderung den festen Entschluss, sich sofort im Fitness-Center anzumelden. Oder sie ertränkten den Frust über ihre figürlichen Schwächen in literweise Guinness oder Dimple. Doch zurück zum Mittelpunkt der Highland Games, zurück zum sportlichen Treiben. Weight for distance (Kugelwerfen), throwing the hammer (Hammerwerfen), tossing the caber (Baumstammwerfen), putting the stone (Steinstoßen) und weight over the bar (Gewichthochwerfen) heißen die Einzeldisziplinen, dazu kommt die einzige Mannschaftsentscheidung: The pull, das gute alte Tauziehen. Einfache, weil traditionell begründete Sportgeräte, viel Kraft und eine ordentliche Portion Geschick machen die Mischung.
Bäume eigenhändig ausgerissen Nehmen wir als Beispiel das Baumstammwerfen, den spektakulärsten Teil des unmodernen Sechskampfes. Fünfeinhalb Meter lang war der ehemalige Baum, der in Berlin herhalten musste. Und 76 Kilogramm schwer. Erstes Problem: Das Teil überhaupt in die Hände zu bekommen. Zweites Problem: das Gleichgewicht. Problem Nummer drei: Anlauf nehmen. Problem vier: Den Stamm überhaupt irgendwie vom Körper wegzubekommen. Ist eigentlich schon genug Problem. Doch nicht bei den Highland Games. Hier reicht es nicht aus, den Ex-Baum irgendwo in die Botanik zu schmeißen. Nein, er muss mit der ehemals obigen Spitze auf dem Boden aufkommen, sich überschlagen und dann möglichst gerade zum Werfer liegen bleiben. Ganz schön komplex, nicht wahr? Übrigens: Den Baum für das Baumstammwerfen hatten die Schotten vorher eigenhändig ausgerissen. Munkelt man(n) . . . Was ihnen einen kleinen Vorteil einbrachte. Gregor Edmunds, später Gesamtzweiter, schleuderte den Baumstamm auf exakt zwölf Uhr, Jason Young beförderte das 25-Kilo-Gewicht über eine 5,10 Meter hoch liegende Latte. Bei den reinen Wurfdisziplinen indes warfen die Deutschen ihre leichtathletische Vergangenheit Gewinn bringend in die Waagschale: Omar Orloff gewann neben der Gesamtwertung auch die Disziplinen mit dem Hammer (35,15 m) und der Kugel (26,34 m), sein Kollege Gunnar Pfingsten wuchtete den Stein der Männlichkeit auf anderweitig unerreichte 16,55 Meter.
Tauziehen - Tug of war Was die Schotten wenig störte. Denn sie sind immer noch die Stärksten. Der Beweis: Im tug of war, dem Tauziehen, zerlegten sie das deutsche Sextett in seine Einzelteile. Weil die Schotten kräftig gebaut sind. Aus Tradition. Und weil sie - so ganz nebenbei - zusammen exakt 116 Kilo mehr auf die Waage brachten als die Deutschen. Man(n) muss halt nur mit seinen Pfunden wuchern. Wie Graham Mullins.
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