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Und nebenan wohnt Dalai LamaVon Dieter Prokein Indien kann ein Schock sein. Eine erschütternde Begegnung mit unendlichem Leid. Ein schmerzhaftes Erlebnis, wie Menschen in bitterster Armut existieren müssen. Doch dann hält dieses Land auch wunderschöne Facetten bereit. Kann einen geradezu süchtig machen mit seiner fröhlichen Bevölkerung. Den intensiven Farben auf den Straßen und dem Reichtum seiner Landschaften. Diese Erfahrungen haben Eva-Maria Mehrgardt und Bert Boonstra gemacht, die seit 1995 mit Unterbrechungen in Nord-Indien leben.
"Dieses Land", erklärt Eva-Maria Mehrgardt, "ist irgendwie einzigartig. Vieles stößt einen regelrecht ab, anderes fasziniert umso mehr." Eine Einschätzung, die auch ihr Mann teilt: "Man schwankt oft hin und her. Manchmal ist es sehr schwer hier zu leben, dann wieder ein tolles Erlebnis." So sei es etwa unglaublich, wie viel Dreck überall herumliege. Wie stark die Luft in den Städten durch Smog verpestet sei. Welchen Gestank die Abwässer manchmal verbreiteten. Doch dafür gebe es viel intensivere Begegnungen mit Menschen, als man sich in Deutschland vorstellen könne. "Die Leute hier lachen viel", weiß Eva-Maria Mehrgardt. "Sie sind fröhlich und spontan. Sie nutzen jede Möglichkeit, um sich abzulenken. Wer Lust hat, mit einer Plastiktüte auf dem Kopf herumzulaufen, tut dies einfach." Je mehr die beiden erzählen, desto klarer wird: Hier haben sich zwei Menschen mit Haut und Haaren einem Land verschrieben, das sie unwiderruflich in seinen Bann gezogen hat.
Dabei sind die beiden mehr oder weniger zufällig in die Nähe von Dharamsala geraten. Am Fuße des Himalayas gelegen, gilt die kleine Stadt im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh als das Zentrum der Exil-Tibeter. Kein Wunder, lebt doch hier der Dalai Lama, das religiöse und politische Oberhaupt Tibets. "Nach meinem Kunst-Studium in Kiel", erklärt Eva-Maria Mehrgardt, "habe ich in Holland noch östliche Philosophie studiert. Um die Originaltexte übersetzen zu können, musste ich tibetisch lernen. Deshalb sind Bert und ich nach Indien gezogen." Während seine Frau studiert, arbeitet Bert Boonstra als Manager in einem Meditationszentrum. Nebenbei kümmert er sich um den Ausbau des eigenen Hauses, was dem gelernten Tischler leicht fällt. Nach und nach beschäftigt auch er sich mit östlichen Philosophien und nimmt schließlich mit seiner Frau an Seminaren des Dalai Lama teil. In diesen lehrt der Friedensnobelpreisträger von 1989 den Buddhismus, erklärt er dessen Wesen auf tibetisch. Sprachunkundigen werden diese Ausführungen simultan über Kopfhörer auf englisch übersetzt. "Das ist anstrengender als zwei Wochen Flash bei CT Berlin", erinnert sich Bert Boonstra seufzend. So doziere der Dalai Lama nicht nur stundenlang über hochphilosophische Erkenntnisse, sondern auch noch in einer Geschwindigkeit, der kaum zu folgen sei. Trotzdem zählen die Begegnungen mit ihm zu ihren bisher wertvollsten Erfahrungen in Indien, wie Eva-Maria Mehrgardt versichert: "Der Dalai Lamai ist ein außergewöhnlicher Mensch. Er strahlt eine tiefempfundene Freude aus, die einen nachhaltig beeindruckt." Neben ihrer Arbeit als Studentin und Manager haben die beiden Europäer aber noch genügend Zeit, sich einen lebendigen Freundeskreis aufzubauen. Für eine österreichische Ärztin, die in Dharamsala lebt und dort ein Krankenhaus gründet, stellt Eva-Maria Mehrgardt den Kontakt zur Deutschen Botschaft in Delhi her. Dadurch öffnet sich für die Medizinerin eine Tür nach der anderen, bis sie schließlich Entwicklungshilfe erhält. Andere Freunde des Ehepaars kommen aus Holland, Spanien, Australien, Israel und Deutschland. Gründe für ein Treffen gibt es immer, und sei es nur, um sich gegenseitig über die Tücken der indischen Bürokratie zu beklagen. "Um mein Motorrad anzumelden, war ich bestimmt 20 Mal bei der Zulassungsbehörde",erzählt Bert Boonstra. "Irgendein Papier hat immer gefehlt. Bis die Maschine endlich angemeldet war, hat es sechs Monate gedauert." Der 46-Jährige nimmt es humorvoll. Hat er doch die drei wichtigsten Lektionen für das Leben auf dem Subkontinent schon lange gelernt: Geduld, Geduld und nochmals Geduld. Ihren Auslandsaufenthalt finanzieren sich die beiden Weltbürger durch frühere Ersparnisse. Als diese immer mehr abschmelzen, ist klar, dass es wieder in der Kasse klingeln muss. Nur so können die Flensburgerin und der Holländer dauerhaft in Indien bleiben. Eine Geschäftsidee ist schnell gefunden: Vor Ort Video-Filme über Land und Leute zu drehen, um sie europäischen Sendeanstalten zu verkaufen. Deshalb erwirbt das Ehepaar eine professionelle Video-Kamera. Die ersten Filme sind schnell im Kasten, doch als es um das Schneiden der digitalen Bänder geht, ist guter Rat teuer. Der nächste Kurs für Premiere, ein Programm zur Video-Bearbeitung, wird in Singapur angeboten. Zu astronomischen Preisen versteht sich. Über das Internet suchen die Kosmopoliten Alternativen und landen irgendwann bei der Berliner CT, der Computer Training GmbH. Ein Glücksfall, wie die beiden finden. "Die Dozenten sind sehr engagiert", stellt Eva-Maria Mehrgardt fest. "Die Mitschüler durchweg nett. Wir haben viel gelernt. Was will man mehr?" Für die Zukunft erhoffen sich die Eheleute, die rund zwei Monate bei ct die Schulbank drückten, das erworbene Wissen profitabel umsetzen zu können. Neben der professionellen Video-Bearbeitung haben sie außerdem weitere Programme rund um den Computer kennen gelernt. So etwa Flash und Photoshop. "Wenn es die finanziellen Möglichkeiten erlauben, kommen wir bestimmt mal wieder", meint Bert Boonstra, der sich schon wieder auf Indien freut. Trotz allem Chaos, trotz aller - für europäische Vorstellungen - unfassbaren Zustände. Weil die Stromversorgung häufig zusammenbreche, gerate jeder Download übers Internet zum Glücksspiel. Ähnliches gelte auch für die Straßenbeleuchtung, die regelmäßig ausfalle. "Dass sie dann aber doch wieder, oft schon nach zehn Minuten, funktioniert, ist ein Wunder", sagt Eva-Maria Mehrgardt. Die 50-Jährige weiß, wovon sie spricht, angesichts der maroden Stromleitungen, den falsch gepolten Anschlüssen und den häufig offen stehenden Schaltkästen mit armdicken Knäuel unentwirrbarer Kabelstränge. "Wenn es einen Gott gibt", erklärt sie mit einem Augenzwinkern, "muss er in Indien wohnen. Denn sonst könnte das Land nicht existieren."
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