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Die Leiden der Markthändler

Von Peter Schubert

Heute spielt das Wetter nicht mit, es regnet seit dem frühen Morgen in Strömen wie in diesem durchwachsenen Sommer so oft und der Wind weht auch recht heftig. Darum finden sich auch nur wenige Händler auf dem Wochenmarkt in der Greifswalder Straße zwischen Storkower- und Thomas-Mann-Straße ein – einem der bekanntesten und beliebtesten, zumindest im Ostteil der Stadt. Am besten sind noch die mit den festen Verkaufswagen dran, wer heute nur einen mit Planen überspannten Verkaufsstand aufbauen möchte, hat schlechte Karten. An guten Tagen drängen sich auf den rund 300 Metern zwischen "Kaisers" und "Mühlencenter" 40 bis 45 Händler aller Couleur – die Verkäufer verschiedenster Lebensmittel wie Fleisch und Wurst oder Fisch, Obst und Gemüse, Backwaren und was man halt sonst noch so verzehren kann. Und da sind die zahlreichen Textilienhändler, verschiedenste Industriewaren und sehr viel "Kleinkram" werden üblicherweise angeboten.

Heute spielt das Wetter nicht mit
Denn da hat's große Auswahl..
Foto: Peter Schubert

"Heute haben schon viele abgesagt, " erzählt Marktbetreiber Michael Beetz, "gerade für die Monatshändler ist das problematisch, denn sie haben ja nicht nur Umsatzausfall sondern zahlen trotzdem ihre Standmiete." Der 50-Jährige betreut diesen Wochenmarkt seit rund neun Jahren. Er ist gewissermaßen das Bindeglied zwischen dem Pankower Grünflächenamt als Vermieter der Gesamtfläche und den einzelnen Händlern, die an ihn die Pacht zahlen. Auf so einem privaten Markt sind das fünf Euro pro laufenden Meter Standlänge. Er erklärt auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Markthändlern: Neben den Monatshändlern also, die regelmäßig hier verkaufen, die meisten schon seit vielen Jahren, gibt es noch die Tageshändler. Sie kommen, fragen ihn und bauen auf für einen Tag. Und dann gibt es noch die für Märkte typischen so genannten "Propagandisten" – fliegende Händler, meist mit ein, zwei bestimmten Produkten, wie Reinigungsmitteln, Kosmetik, irgendeinem ausgefallenen Gebrauchsgegenstand oder ähnlichem. Sie bieten meist sehr redselig für zwei oder drei Stunden ihre Waren feil und ziehen dann weiter zum nächsten Markt in der Stadt.

Denn da hat’s große Auswahl, und das an jedem Tag der Woche bis auf sonntags. Irgendwo ist immer Markt in Berlin. Insgesamt gibt es in der Stadt 87 private und 47 so genannte öffentliche, also kommunale Wochenmärkte, hinzu kommen noch sechs spezielle Ökomärkte. Das ermöglicht vielen Händlern, tagtäglich an diesem oder jenem Platz präsent zu sein. Viele, meist größere Firmen haben oftmals ohnehin mehrere Verkaufstände an verschiedenen Marktstandorten.

"Man muss zum Kunden hingehen"

Nun, fliegende Händler sucht man heute vergebens hier, sie würden ja auch fast wegfliegen, aber zumindest klatschnass, da gänzlich ungeschützt. Einige Verkäufer finden sich noch vor üblichem Marktbeginn um zehn Uhr ein, peilen die Lage und ziehen unverrichteter Dinge wieder ab. So wie Buchhändler Schreck, der zwar einen festen Kiosk hat, aber bei der Nässe quellen seine Bücher, vor allem die Paperbackartikel und Hefte, regelrecht auf. Zu hohes Risiko.

Besser hat’s da Sigrid Völkel, Firma Tiermarkt, mit ihrem Verkaufswagen. Gerade wählt sie mit einer Stammkundin aus dem Hochhaus gegenüber ein neues Spielzeug für Dackel "Stromer" aus. Ihre Hunde-, Katzen- und Vogelfutterwaren und all das, was man sonst noch so für’s liebe Heimvieh braucht, sind gut verpackt und verstaut. Schließlich will sie mobil sein, zieht auch zu anderen Märkten. "Man muss heutzutage zum Kunden hingehen, der kommt nicht von allein, will möglichst im Vorbeigehen mitnehmen, was er so braucht." Aber diese Mobilität hat auch ihren Preis, denn teuer ist nicht nur der Kioskwagen selbst, sondern vor allem auch das entsprechend starke Zugfahrzeug.

Dem Tiermarkt schräg gegenüber steht eine vietnamesische Textilverkäuferin. Die Waren hängen und liegen halbwegs regensicher unter der festverspannten Plane. Sie hat ein paar Boxershorts in der Hand und schaut ziemlich hilflos zu einem schon etwas älteren, recht korpulenten Herrn, der sie laut anblafft: "Nein, kurze Hosen zum Sport!" Er macht im Stand ein paar Laufschritte, "Jogging!" Sie versteht ihn nicht. Er schaut sich um, zeigt auf eine Trainingshose und ruft: "So, aber kurz, " und schneidet mit den Händen auf seinen Oberschenkeln die lange Hose ab. Sie versteht noch immer nicht, aber ein Blick auf die Auslagen zeigt, sie hätte auch gar keine Turnhosen…

Die Leiden der Markthändler
Handel unter freiem Himmel ist nicht nur Idylle!
Foto: Peter Schubert

Richtige Mischung ist wichtig

Mittlerweile kommt etwas mehr Leben in den Markt, Regenschirme bestimmen das Bild. Ein Oma mit dem Enkelsohn an der Hand fragt bei "Schlemmerrolle" die Fleischersfrau: "Wo ist denn heute der Eiermann?" Die schüttelt bedauernd den Kopf, der ist nicht da. Und sie hat auch keine Eier im Angebot, schickt die beiden um die Ecke zu einem anderen Fleisch/Wurststand. Hier gibt’s frische Eier, und sogar Ausgefalleneres, wie beispielsweise Wachteleier, daneben gleich ein Schild mit Aufbewahrungs- und Zubereitungstipps. Zwei Fleischereien gleich so dicht beieinander? Michael Beetz erklärt: "Ich achte schon darauf, dass die Konkurrenz untereinander nicht zu groß wird, jeder was verdienen kann. Gerade die Lebensmittel ganz allgemein schütze ich da ein wenig, achte auf die richtige Mischung." Und die Konkurrenz zum Einzelhandel so zwischen "Kaisers" und "Mühlencenter"? "Da gibt es keine Konkurrenz, im Gegenteil. Das ergänzt sich prima, wir haben ja eine gemeinsame Kundschaft. Wer über den Markt schlendert, geht danach meist auch noch ins "Mühlencenter", und wenn es nur auf einen Kaffee ist. Wer bei "Kaisers" was nicht bekommt, schaut hier vorbei oder vergleicht die Preise, was übrigens auch die Händler gleich sehr gut tun können und entsprechend reagieren. Wir haben ja hier keine Preisbindung. Und außerdem – der Markt war zuerst da und hat bis jetzt alle Wogen, sprich neue große Nachbarn, recht gut überstanden!"

Das dürfte wohl auch der ausgesprochen verkehrsgünstigen Lage geschuldet sein. Da ist der wenige Meter entfernte S-Bahnhof Greifswalder Straße, die alltägliche Autokarawane wälzt sich hier zwischen Ost und West hin und her, gleich drei Straßenbahnlinien fahren am Markt vorbei.

Wenn Gemüse fliegen lernt

Der Regen wird stärker, und der Wind frischt weiter auf. Michael Beetz erinnert sich an den großen Sturm vor einigen Wochen, als auch in Berlin hunderte Bäume umkippten wie Streichhölzer. Einen ganzen schweren Verkaufswagen hat es damals hier ausgehoben und ein paar Meter nach hinten auf die Wiese versetzt. Zum Glück stand da gerade niemand. Und ein voll gepackter Obst/Gemüsestand lernte auch schon mal das Fliegen, anschließend gab’s natürlich Mischgemüse und –obst. Auch das ist Wochenmarkt – der Handel unter freiem Himmel halt nicht nur Idylle.

Anregende Gerüche

Vom anderen Marktende zieht ein verräterischer Duft herauf, leichte Rauchschwaden kräuseln sich aus der Tür eines recht gewaltigen, auf einem speziellen Hänger gelagerten rußgeschwärzten eisernen Ofens. Fischhandel Gehricke aus Dahnsdorf bei Berlin ist jeden Dienstag auf dem Markt und räuchert frische Forellen aus einer Zucht bei Niemeck – frischer geht´s nicht. Die Fische werden zu Hause vorbereitet, gesäubert, gesalzen, aufgespießt und vor Ort dann ofenwarm verkauft. Neben Forellen und Lachsforellen auch Aale und Flundern. Grotesk dabei, wie der Händler bedauernd erzählt: die Leute wollen zwar möglichst noch ofenwarmen Räucherfisch, aber manche haben sich böse über den beim Räuchern nun mal unvermeintlichen Rauch beschwert. Dabei riecht der doch ausgesprochen lecker und appetitanregend. So ziert nun ein Ungetüm von Filter das Dach des Ofens und macht diesen nicht nur um noch einiges schwerer, sondern auch um ein paar tausend Euro teurer. "Wenn wir am Ku’damm stehen, räuchern wir sogar nachts zuvor zu Hause, verpacken die Ware warm und nehmen den Ofen nur noch zur Dekoration mit."

Ein langer Arbeitstag

Ein Zeitungshändler durchquert den Markt mit seinem noch halbvollen Karren. Er hat seinen festen Verkaufsplatz am Marktende Ecke Thomas-Mann-Straße. Wenn der Handel auf dem Markt zweimal wöchentlich richtig boomt, profitiert auch er davon, weil einfach mehr Laufkundschaft vorbeikommt. Nun zieht er weiter Richtung S-Bahnhof, kommt Ecke Storkower am Obst- und Gemüsestand vorbei. Der gehört auch noch zum Wochenmarkt, bildet aber gleich mehrere Ausnahmen. Zum einen steht er täglich montags bis freitags hier, zum anderen haben die Verkäufer dort den mit Abstand längsten Arbeitstag. Der beginnt nämlich schon nachts zwischen zwei und drei Uhr auf dem Großmarkt in der Beusselstraße. Bis gegen sechs oder sieben Uhr wird die frische Ware eingekauft und verpackt, so gegen acht Uhr beginnt der Verkauf in der Greifswalder. Meist werden die Verkäufer so gegen Mittag oder frühen Nachmittag abgelöst, ab 18.30 wird eingepackt, die nicht verkaufte Ware im Transporter verstaut. Wenn es richtig warm ist, fährt man den Wagen dann bis zum nächsten Tag komplett in eine Kühlzelle.

Aber heute Abend wird das kaum nötig sein. Es regnet und ist kühl – kein sehr angenehmer Markttag, aber trotzdem Alltag.

 Links zum Thema:

Standorte und Öffnungszeiten aller Berliner Wochenmärkte unter:
            www.berlin.de/Wochenmärkte

Privatmarkt Kranoldplatz/Ferdinandstraße in Steglitz:
Email:  info@gv-degenhardt.de
           www.ferdinandmarkt.de

Öko-Markt auf dem Chamissoplatz in Kreuzberg:
E-Mail: oekomarkt-chamissoplatz@t-online.de
           www.oekomarkt-chamissoplatz.de

 

 
   
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