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Totempfahl für Ground Zerovon André Opitz Der 11. September ist auch ein Jahr danach allgegenwärtig. Im Nachrichtendickicht versteckt sind die Stimmen derer, die Manhattan bewohnten, ehe sie es für 60 Gulden an die Holländer verhökerten. Die Rede ist von den Indianern der USA. Deren direkte Hilfe für die Opfer begann sofort.
Fähren der Mashantucket Pequot, die sonst Kunden des indianischen Casinos befördern, evakuierten mehr als 1.200 Menschen von Manhattan nach Long Island und brachten medizinisches Personal und Ausrüstung an den Ort der Katastrophe. Mohawk, seit Generationen als Stahlbauer auf allen Wolkenkratzer-Baustellen des Landes tätig, beteiligten sich zu Dutzenden an den Rettungs- und Aufräumungsarbeiten. Schweres Räumgerät nebst Bedienmannschaften kam auch von den Oneida aus dem Staat New York. Stämme, die nicht direkt die Folgen der Anschläge mildern konnten, halfen mit Geld. Dabei brachten die Mohegan aus Connecticut die größte Einzelspende auf - eine Million US-Dollar. Die Prärie-Potawatomi spendeten 100.000 US-Dollar, die Chocktaw 20.000 sowie die Wocheneinnahmen aller stammeseigenen Tankstellen und der Bingohalle. Sandia Pueblo und die Oneida veranstalteten Benefizkonzerte. Kleinere Spenden und Beiträge kamen von nahezu allen indianischen Völkern der USA. Insgesamt wurden von den Ureinwohnern 1,6 Mio US-Dollar an Sofortspenden erbracht.
So helfen Menschen, die einst selbst Opfer waren. Genugtuung über einen Angriff auf diejenigen, die den Kontinent selbst erst per Völkermord übernommen haben, gibt es nicht. Obwohl kurz nach den Anschlägen die Ureinwohner wieder einmal vermehrt bedroht und verbal attackiert wurden. So berichtet Janet Robideau, Aktivistin von Indian People's Action, wie sie vier Tage danach von Weißen lautstark aufgefordert wurde, "nach Hause zu gehen".Ihr Mitgefühl gilt jedoch nach wie vor den Hinterbliebenen der Opfer. In den Stellungnahmen indianischer Vertreter spiegelt sich das Meinungsspektrum der amerikanischen und der Weltöffentlichkeit wieder. Sie sind betroffen, sie wollen helfen. Scharfmacher sind eher die Ausnahme. Die Assiniboine und Sioux von Ft.Peck unterstützten in einer Resolution Bushs Antiterrorkrieg und begingen ihre Feierstunde gemeinsam mit den benachbarten Ortsverbänden der rechtsextremen American Legion. Der Oberste Richter der Sisseton-Wahpeton Sioux erklärte, dass der Krieg gegen den Terror im Interesse einer sicheren Zukunft für die kommenden Generationen geführt werden müsse. Auch er eine Ausnahme.
Die Stimmen der Vernunft sind die der Mehrheit. So äußerte Vera Big Talk, dass man Akte der Gewalt durch Taten der Liebe ersetzen müsse. Ebenso betonte der Montana Wyoming Tribal Leaders Council, Gremium der Stammesführer dieser Bundesstaaten: "Möge der Schöpfer diese unschuldigen Seelen mit offenen Armen empfangen und Weisheit den Führern geben, die uns durch die kommenden Tage geleiten, so wie wir versuchen werden, dieses Land und diese Welt zu einem besseren Ort für unsere Kinder und Enkelkinder zu machen."
An die Verantwortung der USA appelliert Chris Eyre, Cheyenne-Arapaho und Regisseur von Filmen wie "Smoke Signals" und "Skins": "Wir müssen zuerst einiges in diesem Land erledigen, bevor wir da rausgehen können und die Probleme der Welt lösen. Ich glaube, wir müssen mit unserer Geschichte als erstes zu Hause fertigwerden." Selbst das militante American Indian Movement, immer wieder in Konflikte mit dem weißen Amerika verwickelt und Opfer staatlicher Repressalien, formuliert in einer Erklärung: "Durch Taten der Liebe können wir die Regierung und das Volk sein, die am meisten auf der Welt geachtet werden und uns durchsetzen. Wenn wir die Spirale der Gewalt fortsetzen, werden wir weiterhin die im größten Teil der Welt verachtetsten sein und werden versagen. Wir müssen weiterhin für Gerechtigkeit und Weltfrieden beten." Zum ersten Jahrestag der Anschläge fand ein besonderer Akt des Gedenkens statt. In der Lummi-Reservation im Staat Washington schnitzten drei Künstler einen Totempfahl als spirituellen Helfer für die Kinder, deren Eltern ums Leben kamen. Auf seiner Reise quer durch die USA machte das vier Meter hohe Symbol des Mitgefühls Station in 15 Bundesstaaten, ehe es in New York aufgestellt wurde.
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