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Nahkampf in der Besatzungszone
Die Russen sind da. Immer noch oder wieder? Egal. Das Ende der Besatzungszeit? Ha! Der Eingeweihte weiß, dass dem keinesfalls so ist. Ein Ablenkungsmanöver, nichts weiter. Rechtzeitig erkannte einer ihrer Vordenker "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben". Getreu diesem Motto haben die Russen ihre Rolle als Schreckgespenst des Kapitalismus aufgegeben und sich eine Umorientierung zu selbigem verordnet: ihre Opfer liefern ihr Geld jetzt freiwillig an der Kasse ab und amüsieren sich dabei auch noch prächtig.
Offensichtlich werden diese Zusammenhänge allerdings erst bei Recherchen vor Ort. Zu diesem Zwecke begibt sich der Gefahrensucher zu einer bekannten Location in Berlin-Mitte. Hier, im Kaffee Burger, findet sonnabends und 14tägig die so genannte "Russendisko" statt. Wer auf sich hält, taucht nicht vor halb eins auf, denn vorher riskiert man, sich allein in den weitläufigen Hallen zu verlieren. An dieser Stelle verdient die Raumausstattung des Kaffee Burger eine Würdigung. Die einzige Errungenschaft neueren Datums ist ein Hochleistungsgebläse in Tresennähe, das die verschwitzten Besucher bei winterlichen Außentemperaturen in Minutenschnelle auf Eiszapfen-Niveau abkühlt. Alles andere ist original DDR-60-Jahre Produktion bis hin zum allgegenwärtigen unkaputtbaren Bodenbelag der Tanzfläche. Das wenige Licht versickert an der Nikotin geschwängerter Veloursmuster-Tapete im floralen Design, die Preistafeln sind noch auf sozialistischem Niveau und selbst die Musikanlage versprüht scheppernde Ostalgie. Unterdessen hat die Veranstaltung die Atmosphäre einer Sardinenbüchse angenommen. Vor allem auf der "Tanz"-Fläche klumpen sich die jungen Leute. Die Zeichen stehen auf exzessiven Körperkontakt. Feuchtwarm verschwitzte T-Shirt-Rücken drängen sich an nackte Arme, muskulöse Schultern rempeln rhythmisch aneinander und die Rundungen der weiblichen Belegschaft wackeln im Takt. Man tanzt in Grüppchen, wer keine Verstärkung mitgebracht hat, wird zwischen den Mühlrädern dieser Freundeskreise zermahlen.
Nahkampfqualitäten bringen eindeutige Vorteile. Hinter den ekstatisch stampfenden und hüpfenden Körpern gelingt kaum ein Blick auf die anwesende Prominenz: Wladimir Kaminer und sein Genosse an den Plattentellern, Yuriy Gurzhy, sorgen eher unsichtbar für den berüchtigten Sound aus dem tiefen Osten. Beim Mitgrölen des slawisch-folkloristisch eingefärbten Pop-Rock outet sich ein gutes Drittel der Nahkämpfer als Russen. Ein weiteres Drittel macht immerhin ein verständnisvolles Gesicht und sind damit als schulrussisch-geplagte Ossis erkennbar. Der Rest gehört offenbar zur westlichen Besatzungsmacht und versteht kein Wort. Zwischen zwei und drei Uhr ist der Höhepunkt des Geschehens erreicht und es empfiehlt sich, die Lokalität zu verlassen, bevor der Erstickungstod eintritt. Eines Tages - eines sehr fernen Tages - wird auch der Bodenbelag aus sozialistischer Qualitätsproduktion im Kaffee Burger abgenutzt sein. Solange wird der Nahkampf in der Besatzungszone allerdings mit Sicherheit noch andauern. Termine: Russendisko
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