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Tatort BerlinVon Dieter Prokein An diesem Mittwochmorgen ist wenig Betrieb, taucht das Publikum nur zögerlich auf. Mal kommen zwei einzelne Männer, dann ein junges Paar mit seiner Tochter im Kinderwagen. Später noch mal zwei Männer mittleren Alters. Sie alle schlendern fast schon bedächtig von einer blank geputzten Vitrine zur nächsten. Schauen mal dort auf die ausgestellten Gipsabdrücke von Reifen und Schuhen, auf die ausgelegten Dienstwaffen der Polizei. Oder verweilen vor einem aufgeklappten Koffer der Spurensicherung, in dem sich Messer, Pinsel, Pinzetten und Dosen befinden. Als sich dann die Besucher dem Bereich der Gerichtsmedizin nähern, sehen sie die dramatischsten Dokumente der Ausstellung. Farbfotos zeigen, wie einem Toten ein Projektil entfernt wird. Dieses steckte in seinem schrecklich zugerichteten Kopf. Und in der Nähe der Bilder liegt auf einem skelettierten Schädel ein Hammer, mit dem der Schädel eingeschlagen wurde. Ein weiteres großformatiges Foto des Mörders steht daneben. "Wir wollen nicht schockieren, sondern auf die Folgen von Gewalt aufmerksam machen", wird später Dr. Bärbel Schönefeld, die Leiterin der Polizeihistorischen Sammlung, erklären. "Vor allem Schulklassen sind überrascht, wenn sie hier sehen, wie wenig so ein Schädel aushält. Im Fernsehen sieht das immer anders aus."
Andächtige StilleOb die Anwesenden schockiert sind? Ob sie die Zeugnisse der Gewalt für zu brutal halten? Sollte es so sein, ist es ihnen nicht anzusehen. Scheinbar unberührt betrachten sie die Exponate, bevor sie zur nächsten Vitrine gehen, die den "Havel-Ripper" vorstellt. Einen Arzt aus Stuttgart. Attraktiv, schlank, gepflegte Erscheinung. Ein Mann in den besten Jahren, der allerdings als Prostituiertenmörder in Berlin und Brasilien Schlagzeilen machte. 1977 erhängte er sich, um der drohenden Auslieferung nach Deutschland zu entgehen. Fast unmerklich sind neue Besucher gekommen, die nun um die Glaskästen herum spazieren. Trotzdem bleibt es lange so still, dass nur das monotone Summen der Lüftung zu hören ist. Für Momente ist es fast andächtig hier im Herzstück des kleinen Museums. Einem hohen Saal mit langen, grauen Vorhängen vor den Fenstern, unzähligen Ausstellungsstücken und gedämpfter Beleuchtung. So wie heute betrachten jährlich rund 10.000 Menschen die Ausstellung, wie Dr. Bärbel Schönefeld berichtet. Hinzu kämen jeweils gut 2.500 Besucher im Rahmen der zweimal pro Jahr stattfindenden "Langen Nacht der Museen". Außer den nächtlichen Öffnungszeiten wird dann ein interessantes Beiprogramm geboten. Höhepunkt ist der so genannte "Lebendige Tatort", eine Art Mini-Theaterstück zur Informationsvermittlung. "Das Ganze dauert gut 15 Minuten", sagt die promovierte Historikerin. "Echte Polizeibeamte stellen ein Verbrechen nach, spielen also Täter und Polizei. Das Ziel ist, auf unterhaltsame Art Hinweise zur Kriminalitätsvorbeugung zu geben." Bunte Mischung1988 im Berliner Polizeipräsidium eröffnet, ist die Polizeihistorische Sammlung also schon lange ein fester Bestandteil der Berliner Museenlandschaft. Neben den Besuchern profitieren auch die Polizeibeamten von der Ausstellung, die sie für dienstliche Weiterbildungen nutzen. Kein Wunder angesichts tausender zu betrachtender Objekte. Den zahlreichen Dienstwaffen der Polizei etwa - darunter eine Kalaschnikow sowie ein G3-Gewehr -, den beschlagnahmten Schusswaffen, den vielen Messern, Schlagringen und Totschlägern. Eine Vitrine zeigt einen Ausschnitt aus der bunten Welt der Drogen. LSD-Trips liegen neben Opiumpfeifen, durchsichtige Plastikbeutel geben den Blick auf Marihuana und Haschisch frei. Ein bereitgelegter Joint scheint nur darauf zu warten, dass ihn jemand anzündet. Hinzukommen Handschellen, Uniformen und Abzeichen. Außer gegenständlichen Ausstellungsobjekten bietet die Polizeihistorische Sammlung zudem umfassende Informationen zur Geschichte der Berliner Polizei. Diese sind auf 60 Stelltafeln in Form großformatiger Texte und Fotos aufbereitet. Auf drei Räume verteilt, zeigen sie eine Entwicklung, die immerhin von den Preußischen Reformen 1809 bis in die Gegenwart hineinreicht. Berliner KriminalgeschichteInzwischen sind zwei junge Männer in einen kleineren, an den Hauptsaal angrenzenden Raum getreten. Auf knapp 20 Quadratmetern sind hier Überbleibsel Aufsehen erregender Kriminalfälle zusammengetragen. Eines davon ist ein gut 1,5 Meter langer Abschnitt eines rechtwinkligen Tunnels, der aus dicken, dunkelbraunen Brettern besteht. Gerade hoch und breit genug, um sich als erwachsene Person mit eingezogenem Kopf und auf Knien darin zu bewegen. Vor einem riesigen Foto der Zehlendorfer Commerzbank am Schlachtensee aufgestellt, macht das Bauwerk die jüngere Berliner Kriminalgeschichte lebendig. 1995 hatten sieben bewaffnete Gangster diese Bank gestürmt und 16 Geiseln genommen. Nach stundenlangen Verhandlungen machten sie sich mit mindestens 10 Millionen Mark aus dem Staub. Ihr Fluchtweg: Ein 170 Meter langer Tunnel, den sie zuvor in Monate langer Schwerstarbeit gegraben hatten. Wiedersehen mit DagobertSchweigend hatten die beiden Besucher den Tunnel-Nachbau betrachtet, um sich nun der nächsten Vitrine zu nähern. Ein zunächst nicht zu identifizierendes Objekt auf einem Stück Bahngleis gibt Rätsel auf. Doch dann dämmert es den beiden, als sie das Buch in der Nähe entdecken. Auf dem Cover das grinsende Gesicht von Dagobert. Die Comic-Figur aus Entenhausen scheint sich hinter einer Backsteinmauer zu verstecken. Scheint nur mal kurz um die Ecke zu spähen. So als wollte sie prüfen, ob die Luft rein ist. "Das ist doch diese…diese Lore von dem Kaufhauserpresser", sagt einer der Männer, nachdem er den Buchtitel gelesen hatte: "Mein Leben als Dagobert" von Arno Funke. "Clever gemacht", erwidert der andere. Und lässt beeindruckt seine Blicke über das selbstgebastelte Schienenfahrzeug gleiten. Über die Ladefläche, die exakt nach der Größe von Tausend-Mark-Scheinen berechnet war. Über den raffinierten Antrieb. Schließlich schüttelt er den Kopf: "Genützt hat es ihm aber nichts. Neun Jahre Knast hat er bekommen für seine Taten."
Polizeihistorische Sammlung
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