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Harry Jelinek - Betrüger oder Expressionist?Von Petra Ullmann Harry Jelinek wird im Oktober 1905 in der Familie eines vermögenden Arztes in der tschechischen Stadt Vlasim geboren. Sein Vater ist Leibarzt des später in Sarajevo ermordeten Thronfolgers und Freund des Grafen Auersperg. Mit dessen Söhnen verbringt er viel Zeit, lernt Deutsch, Französisch und Englisch. Seine schulischen Leistungen sind nicht gerade brilliant. Trotzdem schreibt er sich auf Wunsch des ehrgeizigen Vaters nach dem Abitur an der Medizinischen Fakultät der Universität Prag ein. Das schillernde Nachtleben der 20er Jahre lockt den Studenten mehr als der Anatomiesaal. Der Vater entzieht die finanzielle Unterstützung, als er bemerkt, dass Sohn Harry kein einziges Examen abgelegt hat. Harry Jelinek beginnt eine Karriere als Gigolo. Eine 42 jährige Wiener Kunst- und Antiquitätenhändlerin verliebt sich in ihn und bindet den Liebhaber in ihre geschäftlichen Aktivitäten mit ein. Jelinek fragt nicht nach der Herkunft der Kunstgegenstände, mit denen seine Geliebte erfolgreich Geschäfte macht und wird reich. Innerhalb kürzester Zeit erhält er Zugang zu den höchsten gesellschaftlichen Kreisen. Eines Tages wendet sich der Adlige Jiri Kristian Lobowitz an ihn: er möge doch bitte ohne Aufsehen einige Kunstgegenstände aus seinem Schloss Roudnice verkaufen. Lobowitz' Verwandte Ludmila solle den Prinzen von Liechtenstein heiraten, verfüge aber nicht über genügend Geld für die Aussteuer. Harry lädt einen Amerikaner, der mit der Produktion von Kaugummi Millionen macht, nach Roudnice ein. Dieser ist von dem echten Adelssitz derart beeindruckt, daß er das Interesse an den zum Verkauf angebotenen Bilder verliert. Jelinek solle ihm ein Schloß wie Roudnice besorgen. Dieses werde er nach Amerika bringen und dort wieder aufbauen lassen. Das Konterfei eines echten Schlosses soll in Zukunft die Verpackung seiner Kaugummis zieren. Jelinek, der BetrügerIn Harry reift die brilliante Idee, dem Millionär Burg Karlsteijn zu verkaufen. Diese hat für die tschechische Nation eine ähnliche Bedeutung wie die Prager Burg und befindet sich seit 1918 in Staatsbesitz. Das alles weiß der Amerikaner allerdings nicht und seine Unwissenheit ist Erfolgsgarant für Jelineks Coup. Harry Jelinek besticht den Burgverwalter und zieht am 10. August 1931 unter Fanfarenklängen und mit großem Pomp auf Karlsteijn ein. Als Burgfräulein verkleidete Damen des Prager Nachtlebens kredenzen dem amerikanischen Interessenten ein opulentes Nachtmahl. Tief beeindruckt zückt dieser sein Scheckbuch - das Vorkaufsrecht ist ihm 30.000 Dollar wert. Jiri Francek berichtet in "Verbrechen und Bestrafung in der tschechischen Geschichte", der vermeintliche Burgbesitzer habe den Scheck bereits am nächsten Morgen eingelöst und sich nach Split abgesetzt, um sich ein paar schöne Wochen zu machen. Dies sollte nicht der einzige Coup von Jelinek bleiben: einmal verkauft er einem tschechischstämmigen Amerikaner einen unbewohnten Straßenzug in Prag für 4.000 US-Dollar. Jelinek wird innerhalb von zehn Jahren über 500mal angezeigt. Ohne Folgen. Seine Beziehungen verhindern jede Bestrafung. In den 30er Jahren rückt er in die Nähe des Nationalsozialismus und der Gestapo. Er erpreßt Schmuck als Schweigegeld von jüdischen Händlern und bedient sich aus Gestapo-Warenlagern. Als man ihm auf die Schliche kommt, rettet er sich durch Denunziation. Im Mai 1945 verläßt er Prag zusammen mit den Nazi-Truppen. Seine Spuren verlieren sich in Bayern. So berichten tschechische Quellen über Harry Jelinek - keinerlei Erwähnung seiner künstlerischen Fähigkeiten, geschweige denn Anerkennung seines Status als bildender Künstler, den er angeblich mit den Großen des 20. Jahrhunderts teilt.
Jelinek, der ExpressionistHarry Jelinek legt als Vierzehnjähriger in Paris Modigliani fauvistische Porträts vor und gehört in den 30er Jahren zum Bohemekreis um Mucha, Kokoschka und Hoffmann. Er wird Schüler von Blasek, Triska und Prof. Pittermann Longén . In den 30er und 40er Jahren experimentiert er mit Technik und Ausdrucksform, bleibt stilistisch aber eng an Modigliani angelehnt. Nach dem Krieg kauft ihm ein amerikanischer Offizier, Kunstliebhaber aus Philadelphia, einige seiner Werke ab. Jelinek nutzt die Gelegenheit und setzt sich aus dem tristen Nachkriegsdeutschland in das sonnige Italien ab. Dort widmet er sich bis zu seinem Tod 1986 der Malerei. Er gilt als der Erfinder der "Fließenden Malerei" und ist Mitglied mehrerer italienischer und internationaler Kunstakademien. Seine Werke werden weltweit in Museen und privaten Sammlungen gezeigt. Richard Nixon, Wernher von Braun, Neil Armstrong und König Hussein von Jordanien sind Käufer seiner Bilder. Und zahlen angeblich mehr als für Werke von Chagall, Picasso und Dali. So berichtet ein Jens Oberheide über Harry Jelinek - keinerlei Hinweis auf dessen verbrecherische Vergangenheit. AberIn den letzten 12-15 Jahren sind in Deutschland keine Werke von Jelinek öffentlich versteigert worden. Einschlägige Künstlerverzeichnisse und -lexika bleiben stumm. Chris Whitcomb, ein renommierter amerikanischer Kunsthistoriker, muß ebenso wie viele seiner deutschen Kollegen passen. Anrufe bei zwei Galerien, der deutschen Galerie Dahmann in Hilden und der italienischen Galerie Gelmi bei Mailand, bringen etwas Licht ins Dunkel. Beiden lagen bzw. liegen einige Werke von Jelinek vor: als Ladenhüter. Herr Dahmann kann mit zwei Artikeln weiterhelfen, deren Veröffentlichung allerdings bereits 20 Jahre zurückliegt. Autor -zumindest einer dieser Artikel- ist Jens Oberheide, heute Großmeister einer deutschen Freimaurerloge, der Jelineks Werk enthusiastisch würdigt. Obwohl Harry Jelinek seit 1933 sein Freimaurerbruder ist, kann oder will Oberheide nicht dazu beitragen, dessen Schicksal aufzuhellen. Und so wird das wahre Gesicht von Harry Jelinek wohl weiter im Dunkeln bleiben…
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