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„Du brauchst Hornhaut auf der Seele“von Bettina Gutierrez "Klar, kompetent, Künast" steht auf den grünen Luftballons, die am Eingang verteilt werden. Das Auditorium im ersten Stock des ehemaligen Staatsratsgebäudes ist bis auf den letzten Platz besetzt. Vorwiegend weibliches Publikum hat sich zu einer Podiumsdiskussion eingefunden, die "Frauen, Macht, Politik" zum Thema hat. Ein Thema, das nicht so recht zum idyllischen Ausblick auf die Museumsinsel passt, die man ausgiebig aus der Nähe des Podiums betrachten kann. Man kann sich aber damit die Zeit des Wartens vertreiben, denn alle warten seit einigen Minuten gespannt auf den Star des Abends, auf die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, auf Renate Künast.
Und dann kommt sie, setzt sich ganz unprätentiös neben ihre wesentlich jüngere Mitstreiterin Gabriele Gün Tank und hört den Worten der ehemaligen Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Adrienne Goehler, zu. Als Moderatorin übernimmt Goehler den einleitenden und vermittelnden Part. Ihre Einleitung stimmt zunächst auf das vermeintliche Ziel dieses Abends ein. "Frauen haben 2,6 Millionen mehr Wahlstimmen in die Waagschale zu werfen als Männer. Die Demoskopen sagen, die Macht ist weiblich", erklärt die Ex-Senatorin zu Beginn der Diskussion. Dass dieser Abend dann schließlich doch nicht den Eindruck einer Wahlkampfveranstaltung hinterlässt, liegt an der guten Stimmung im Publikum und der Lockerheit und Entspanntheit der Referentinnen. Man hat keineswegs den Eindruck, dass sie gekommen sind, um Stimmen zu fangen oder das Grundsatzprogramm der Grünen zu erläutern. Eher, um sich selber zu präsentieren und dem Publikum einige Denkanstöße zu geben. Smart und lässig wirkt Renate Künast als sie auf die Frage der Moderatorin antwortet, wie sie denn eigentlich zu einem "Bösen Mädchen", das heißt zu einer erfolgreichen und emanzipierten Frau wurde. Es war ihre Grundschullehrerin, die sie dazu animierte, eine weiterführende Schule zu besuchen und sich von dem traditionellen Rollenbild der Hausfrau und Mutter zu lösen. Mädchenhaft charmant erscheint dagegen die deutsch-türkische Leadsängerin der Polit-Pop-Band "Böse Mädchen", als sie von ihrer Mutter und ihren ersten Versuchen, sich in der Schule durchzusetzen, erzählt. Beide hatten also eine weibliche Mentorin, was dann so recht zu dem ganzen Abend passt. Denn hier steht Frau und nicht Mann im Mittelpunkt, auch wenn man auf dem ein oder anderen Stuhl einen männlichen Zuhörer ausmachen kann. Nach dieser sanften Einführung geht es dann richtig zur Sache. Sehr temperamentvoll und engagiert spricht Renate Künast über ihre Karriere und die Schwierigkeiten, sich in der Männerdomäne Politik durchzusetzen. "Ich war früher beinhart, kein Lächeln", sagt die Ministerin und zitiert zur Erläuterung ein anschauliches Motto eines Kollegen: "Du brauchst Hornhaut auf der Seele". Einen guten Ratschlag gibt sie all denen, die sich als Führungskraft behaupten wollen. "Man muss bereit sein, sich mit starken Leuten zu umgeben" lautet ihr Erfolgsrezept. Und dies hat sie in ihrem Ministerium angewandt, indem sie sich ein sachkundiges und erfahrenes Beraterteam ausgesucht hat. Als sie ein weiblicher Künast-Fan aus dem Publikum fragt, ob sie sich denn bei der letzten Sendung von Sabine Christiansen nicht angegriffen gefühlt habe, als diese sie etwas herablassend auf ihre mangelnde Kenntnis über Kühe angesprochen habe, antwortet sie geschickt und diplomatisch. Die Sendung von Sabine Christiansen sei eher konservativ und passe in das derzeitige Medienpanorama, das eine Ablösung von rot-grün befürworte. Kleine Spitzen kann sie sich trotzdem nicht verkneifen. Als Gün Tank über Fremdenfeindlichkeit in Deutschland spricht und den Ausländer als einen "dunklen Typ mit dunklen Augenbrauen" charakterisiert, kontert Künast äußerst humorvoll. "Waigel hat auch dunkle Augenbrauen". Tosender Applaus und amüsiertes Lachen erntet sie für diesen gelungenen Scherz. Und auch die Bemerkung, dass Stoiber in sein Kompetenzteam fast nur alte Männer berufen habe, wird nicht überhört. Beim eigentlichen Diskussionsgegenstand des Abends, nämlich dem Verhältnis von Frauen zur Macht, kommt wieder Ernst auf. Dass Frauen meist keine Macht wollen, bestätigen sowohl Künast als auch Gün Tank. Dass es für Frauen weiterhin schwierig ist, Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft zu bekleiden ist das Fazit von beiden, obwohl sie unterschiedlichen Generationen angehören. "Männer bauen ihre Netzwerke aus, bei Frauen ist das meist nicht der Fall", argumentiert die Verbraucherschutzministerin. Anschließend leitet sie zu einem kurzen Plädoyer für umweltbewusstes Verhalten über, da in der Vorhalle der Prosecco, Pizzahäppchen und wenig später der Hausmeister warten. Umweltpolitik sollte mit dem Einkaufskorb gemacht werden, da man mit dem Essen die Landschaft gestalten könne, gab sie ihren Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg. Was bleibt von diesem Abend? Interessante Gedanken, eine dynamische Stimmung und die Überzeugung, dass sich in den grünen Luftballons nicht nur heiße Luft befindet.
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