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Die Kunst des Erzählens
Geschichten erzählen kann jeder. Über den Nachbarn, die Freunde, Familie oder den Job. Dass persönliche Geschichten zum Erfolg im Berufsleben und nicht zuletzt zur guten Stimmung im Büro maßgeblich beitragen können, ist neu. Galt bisher doch die Devise, möglichst wenig von sich selbst preiszugeben. Die amerikanische Autorin Annette Simmons hat diese Erfahrung auf Grund ihrer jahrelangen Praxis als Beraterin von Unternehmen und gemeinnützigen Institutionen in Fragen der Mitarbeiterführung gemacht. Deshalb rät sie jedem Chef oder Mitarbeiter, sich in der Kunst des Erzählens zu schulen. Allerdings meint sie hier nicht Märchen und Sagen, sondern Anekdoten und Alltagserlebnisse. Mehr Offenheit und Spontaneität im Berufsleben - das ist ihr Motto.
"Wer die beste Geschichte erzählt, gewinnt. Ein Produktmanager , der, bevor er seine Ware anpreist, erzählt, was sein Sohn oder seine Tochter letzte Woche gesagt hat, stellt Vertrauen her", erklärt Simmons. Und auch die Kommunikation untereinander kann auf diese Art und Weise verbessert werden. Eine dreiminütige amüsante Begebenheit könne den Gegenüber dazu bewegen, ebenfalls etwas Persönliches zu erzählen und dadurch eine gute Basis für ein lockeres und entspanntes Gespräch schaffen. Offenheit und Spontaneität Den Grund für die erfolgreiche Konjunktur ihres so genannten "Story-Faktors" sieht Simmons vor allem in unserer Medien- und Informationsgesellschaft. "Die meisten Leute sind mit Fakten und Informationen überfrachtet. Sie fühlen sich durch diese Informationsfülle zunehmend gestresst und überfordert", sagt sie. Eine gute Geschichte könne zum Stressabbau beitragen und den Glauben an die Zukunft, der durch unzählige Horrormeldungen in den Nachrichten erschüttert wird - nicht zuletzt über globale Arbeitslosigkeit und permanente Wirtschaftskrisen -,wieder herstellen. Wenn man ein berufliches Problem hat, können Geschichten über ein erfolgreiches Konfliktmanagement helfen. Es reiche schon aus, so Simmons, wenn einem ein Kollege erzählt, wie er die schwierige Renovierung des Badezimmers seiner Tochter gemeistert hat. Das stärke das Selbstvertrauen und das Gefühl, Probleme lösen zu können. "Nicht Fakten sind es, die unser Berufsleben bestimmen, sondern meist Emotionen", stellt die Autorin fest. Jede scheinbar noch so rationale Entscheidung werde in erster Linie von Gefühlen gelenkt. Geschicktes Selbstmarketing Was die eigene Person betrifft, muss man natürlich darauf achten, dass man sich ins richtige Licht stellt. Hier gilt nicht uneingeschränkt Simmons Credo der Spontanität, sondern das des geschickten Selbstmarketings." Man muss vor allem darauf achten, dass das, was man über sich erzählt, die eigene Vertrauenswürdigkeit und vorteilhafte Charaktereigenschaften hervorhebt", betont die Autorin. Dies deshalb, da sich die meisten Leute ihrer Meinung nach mehr für die schlechten als für die guten Seiten eines Menschen interessieren und dazu tendieren, in jemandem lieber das Negative als das Positive zu sehen. Als "Selbst-Überlebens-Mechanismus" bezeichnet die versierte Unternehmensberaterin ihre Strategie der "positiven" Selbstpromotion, die ein gewisses Training und emotionale Intelligenz erfordere. Das dürfte den meisten jedoch nicht schwer fallen. Schließlich, so folgert Simmons, sei der Mensch so beschaffen, zunächst eine Überlebensstrategie zu entwickeln und dann über diese nachzudenken.
Schwächen zugeben Anekdoten und eine kluge Selbstdarstellung können, schenkt man ihrer Theorie Glauben, zu gegenseitiger Motivation führen. Von Chefs, die ihre Mitarbeiter mit Geschichten, die eine Drohung beinhalten oder Angst machen, motivieren wollen, zählt sie nicht viel. Eine Geschichte solle den Zuhörer selber entscheiden lassen. Oft erprobte Mittel der Beeinflussung wie Überredung, Erpressung oder charismatische Appelle seien Strategien, die den anderen in Bedrängnis brächten. "Chefs, die einschüchtern, verlieren ihre kreativen Mitarbeiter und Menschen, die zu viel Selbstbewusstsein haben, um für einen Tyrannen zu arbeiten", sagt Simmons. Der Mitarbeiter wiederum könne versuchen, seinem Chef eine schlechte Nachricht mit einer flotten Story zu überbringen. Oder ihm so klarzumachen, dass er einen Fehler begangen hat. Die Grenzen zwischen Offenheit, Vorsicht und Werbung in eigener Sache sind für Simmons fließend. Während sie dem Mitarbeiter empfiehlt, sich von seiner besten Seite zu zeigen, erlaubt sie dem Chef, Schwächen zuzugeben. "Ich habe viele Manager und Führungspersönlichkeiten erlebt, die mit ihren Geschichten über ihre persönlichen Fehler Erfolg gehabt haben. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass man Schwächen zugeben kann, ohne dass sie gegen einen verwendet werden," berichtet die Fachfrau für Unternehmensführung. Psychologen würden diese Strategie als Selbstöffnung bezeichnen. Eine Führungskraft, die zur Selbsterkenntnis fähig ist, zeigt ihrer Meinung nach Stärke statt Schwäche. Einem Berufsanfänger, der zu einem Vorstellungsgespräch geht, empfiehlt sie ebenfalls eine gute Story. Er solle sich aber nicht an ein einstudiertes Drehbuch halten, sondern spontan agieren.Ein Patentrezept für den "Geschichten-Profi" hat Simmons allerdings nicht. Nur die Aufforderung "Sag, wer du bist und man wird dir vertrauen". Eine Aufforderung, die gleichermaßen für das Berufs- wie Privatleben gilt. Literatur: Annette Simmons, "Story Faktor. Mit guten Geschichten Menschen gewinnen" 280 Seiten, DVA, 2002, 19,90 Euro.
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