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Rotwelsch - Die Gauner-Akademievon Susanne Strauss Was ist Rotwelsch? Mehr als ein Jargon ist es ein Lebensgefühl des Widerstands, blühender und schmutziger Phantasie, der Blasphemie und der Ablehnung aller herrschenden Werte. Es ist der Geheimcode mittelalterlicher Diebe, Landstreicher und Gesetzloser. "Welsch" ist eine alte Bezeichnung für "romanisch". "Rot" erinnert an den Bettlerbrauch Wunden vorzutäuschen, indem sie sich Blut ins Gesicht schmierten. Welch schöpferische Kraft der Auflehnung innewohnt, beweisen Untergrundbewegungen, der Erfindungsreichtum im Exil oder im Knast. Schon stecken wir mitten im Rotwelsch. Das Wort knass bedeutet nicht anderes als (Geld)strafe. Warum die Wort- und Sinnschöpfer der Sprache so wüst an die Gurgel gingen, zeigt der geschichtliche Hintergrund. Wie kamen hebräische Ausdrücke in die Sprache deutscher Gauner? Keineswegs bestand die mittelalterliche Gaunergilde vornehmlich aus Juden. Sie bildeten in diesen Kreisen eine Minderheit. Das Jiddische wuchs im Ghetto zu einer vollwertigen Sprache heran und entfaltete sich bald in Dichtung, Philosophie und Wissenschaft zu voller Blüte.
Juden war in Deutschland kein anderes Gewerbe als der Handel gestattet. Zwangsläufig fanden sich auf der Landstraße jüdische Händler und kriminelle Analphabeten jedweden anrüchigen Gewerbes ein. Diebe und Räuber verkauften ihre Beute an die Juden. Als Käufer und Veräußerer von Diebesgut traten einige Juden in das krumme Gewerbe ein, das zu einer intelligent organisierten Gilde heranwuchs. Um neues Vokabular in Gaunerkreisen bekannt zu machen, hielten Bandenführer sogar regelrechte Sprachsymposien ab. Aber nicht nur der Handel trieb die Juden auf die Landstraße. Jedes neue Pogrom gebar neue Rebellen. Die Mehrheit der Verfolgten reagierte mit Demut und immer neuen Bußgebeten, worauf ihre widerständlerische Minderheit mit zornigem Hohn antwortete. Zielscheibe für ihre spöttische Sprache wurde die Religion, in deren Rahmen viele Juden Unterdrückung und Mord still tolerierten. Die Rebellen zogen das Heiligste in den Schmutz und bereicherten die rotwelsche Geheimsprache durch raue Töne. Selbst Menschen, die des Hebräischen mächtig waren, verstanden sie nicht. Welches Schindluder die jüdischen Rebellen mit religiösen Riten trieben, zeigt das Wort "Mesuse". Die Mesuse ist ursprünglich ein Türpfosten. Im Hause gläubiger Juden hing an jedem Pfosten eine Kapsel mit einem Text aus dem fünften Buch Moses. Der Wortsinn verschob sich. Schließlich nannte man die Kapsel "Mesuse". Trat man durch die Tür, berührte man die Kapsel mit dem Finger und führte ihn danach an die Lippen. Ein gefundenes Fressen für den boshaften Charme eines blasphemischen Rebellen! Was, so mag er phantasiert haben, steht am Türpfosten und wird von jedem angefingert? Das Ergebnis: In Gaunerkreisen nannte man die Straßendirne Mesuse. Die Methoden der rotwelschen Wort- und Sinnschöpfungen sind unterschiedlich. Grundsätzlich war alles erlaubt und willkommen, was den Sinn eines Wortes verschlüsselte. Ein beliebtes Mittel war die Neuschöpfung aus ähnlich klingenden Wörtern. Das jiddische Wort "m'chia" bedeutet "Lebensunterhalt". Der gaunerische Spieltrieb baute daraus "Mücken" und meinte "Geld". Wem die Mücken fehlten oder das Glück, ging oft "kapores". Das jiddische Wort "kaporess" bedeutet "Sühnopfer". Wer ahnt schon heutzutage, wenn er einem Menschen jovial "Hals- und Beinbruch" wünscht, dass er eine Verballhornung eines jiddischen Glückwunsches ausspricht. Das jiddische "hazloche" bedeutet Glück, "broche" heißt Segen. "Den habe ich eingeseift" sagt der stilvolle Deutsche, wenn er jemanden über's Ohr gehauen hat. Ahnt er, dass er einen Kraftausdruck gebraucht? Denn "sewel" bedeutet alles andere als Seife, sondern Dreck und Kot. So gemäßigt der Ausdruck klingt, wer jemanden "einseift" hat ihn letztlich doch "beschissen". Ganz schön haarig, was unbewusst über die Lippen wohlerzogener Deutscher geht. "Haarig", wir ahnen es schon, hat natürlich nichts mit den Horngebilden gemein, die uns aus der Haut wachsen. "Harog" übersetzt man mit "töten". Der Geschäftsmensch, der immer weiß, wo "der Bartel seinen Most holt", könnte bei etymologisch Gebildeten Verdacht säen. "Bartel" ist keine Koseform von Bartholomäus. Und "Most" ist im Rotwelsch kein Obstsaft. Der Bartel ist das Eisen (jidd. "barsel") mit dem man sich den Zugang zu fremdem Geld verschafft. Denn Geld heißt auf jiddisch "mo'ess". Woher der Ausdruck "Moos" stammt, dürfte nun auch klar sein. Sprechen kann also ganz schön "haarig" sein. Nimmt man den Geschäftsmenschen aus unserem Beispiel beim Wort, kann seine Karriere in Zukunft "Essig" sein. Essig leitet sich von jiddischen "hesek" ab und bedeutet "Schaden". Ach Pustekuchen, mag unser Beispielkarrierist denken, wer kennt schon Rotwelsch. Wenige, das stimmt. Man muss sich nicht unbedingt mit der Herkunft der Wörter plagen. Sie zu ignorieren ist jedoch "pachot" (weniger) "chochem" (klug), Pustekuchen eben. Alle Kamesierer (=gelehrte Bettler und verlumpte Studenten), die ihr Vokabular bereichern wollen, finden einen wahren "Wortschatz" bei: Etymologie
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