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Espresso-Oasen: Nicht die Bohne erledigt (Teil 3)
Für Ganztagsfrühstücker An dieser Lokalität in der Schlesischen Straße in Kreuzberg ist schwer vorbeizukommen: Der lang gezogene Gastraum lockt mit einer fast heimeligen Atmosphäre. Die alte Holzverkleidung wurde abgeschliffen, darüber helle, sehr hohe Wände, viel indirektes Licht. Rechts eine durchgehende Bank an der Wand, vor der kleine Tische stehen. Hell genug, um wach zu werden, nicht zu grell und kalt für noch nicht ganz Ausgeschlafene.
Die vor wenigen Monaten neu eröffnete "Kaffee-Rösterei Cream" knüpft zumindest zum Teil an den Coffeeshop-Mythos an. Denn vor allem die Variationen von Espresso sind der Dreh- und Angelpunkt des Geschäftes. Der Markt der gehobenen Kaffeespezialitäten ist noch nicht erschöpft, vermuten die Experten vom SCAE, dem Verband der Anbieter in diesem Segment. Wie ergiebig er wirklich ist, das ist noch umstritten und hängt – angesichts der Preise – auch von der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung ab. "Coffee to go" wird an diesem verregneten Morgen in Kreuzberg stetig in Anspruch genommen, in der Regel gehen Croissants, Muffins, Cookies oder der eine oder andere Bagel in der Tüte mit. Das Frühstücksangebot ist aber über diese an amerikanischen Kaffeebars orientierten Produkte hinaus reichhaltig und vielfältig. Erste Klasse der Appenzeller Käse, die Butter weich und geformt, auch die einfachen Croissants lassen nichts zu wünschen übrig. Die erste Mahlzeit des Tages in vielen Varianten ist von 9 bis 21.30 Uhr im Angebot, was wieder das Klischee vom Kreuzberger Ganztagsfrühstücker bedient. Und: Der Kaffee kommt hier noch ungefragt mit dem Glas Wasser. Auch die Bohnensorte kann unter acht verschiedenen individuell für jede Tasse gewählt werden, etwa Hochlandkaffee aus Kenia oder ein sehr milder Genuss aus Papua-Neuguinea. Dem in diesem Kreuzberger Kiez sehr gemischten Publikum begegnet der Service freundlich, gelassen und sehr aufmerksam. Da darf auch mal ein zugegebenerweise netter Hund seine Runde drehen. Am Nachbartisch wird angeregt italienisch parliert: Backpacker aus dem nahe gelegenen Hostel vor dem Start ins feucht-graue Berlin. In einer anderen Ecke sitzt einer der türkisch sprechenden, in akkurates Weiß gekleideten jungen Köche mit einem Freund beim schwarzen Tee. Zwei noch nicht gescheiterte Jungunternehmer begleiten ihr deftiges Frühstück mit einem Gespräch voller Kraftausdrücke, bedanken sich aber bei der Bedienung äußerst höflich. Ein Markt von vier Milliarden Euro Eigentlich, so die Auskunft einer jungen Kellnerin, sollte das Kerngeschäft die kleine Kaffeerösterei sein. Immerhin trinken die Deutschen im Jahr 162 Liter Kaffee pro Kopf. Dabei werden insgesamt mehr als eine halbe Million Tonnen Kaffee verbraucht. Damit ist die Branche vier Milliarden Euro schwer. Ein Kuchen, von dem sich auch der Besitzer des "Cream" ein Stück sichern will. Hier steht in einem Hinterzimmer die Röstmaschine, wo einmal in der Woche verschiedene Sorten aus wichtigen Anbauländern von Mittelamerika über Afrika bis nach Südostasien geröstet werden. Diese Kaffees können dann als ganze Bohne oder frisch gemahlen an der Kasse erworben werden. Dieses Angebot wurde von umliegenden Büros und Haushalten angenommen, allein geschäftstragend war es nicht. So kam schnell eine kleine Konzession für den Küchenbetrieb hinzu. Der köstliche Duft von frisch gemahlenem Kaffee schwebt immer wieder durch den Raum. Dort begegnet er möglicherweise dem nicht minder appetitanregenden Aroma des gebratenen Schinkens vom Frühstücksrührei. Mittags und abends sind kleine Speisen und exzellente Salate im Angebot. Dann wird auch der Zapftresen in Anspruch genommen, wo am Morgen noch Ruhe herrscht. Fazit: Selbst in einer Umgebung mit türkischen Bäcker-, Obst- und Gemüseläden, mit Dönerstand, Pizzeria und tiefpreisigem Second-Hand-Shop, mit allerlei wunderlichen Zockergestalten kann also eine gehobene Kaffeegastronomie ihren Platz finden. Und wenn das hier funktioniert, warum dann nicht auch in anderen Einöden bisheriger Ignoranz gegenüber dem schwarzen Gold? Der Siegeszug des Espresso in deutschen Landen scheint noch lange nicht abgeschlossen. All jene, die noch nicht infiziert sind und sich fragen, warum sie für eine Tasse Kaffee genau soviel bezahlen sollen wie für zwei Pfund desselben abgepackt, denen sei die Kamps-Filiale nördlich der Schönhauser Allee Arkaden empfohlen: Dort gibt es für nur einen Euro immerhin einen ganz akzeptablen Milchkaffee. "Cream Kaffee-Rösterei", Schlesische Str. 6, 10997 Berlin, Telefon: 610 74 980, Montag bis Sonntag 8 bis 24 Uhr, Frühstück 9 bis 21.30 Uhr Kamps-Filiale Schönhauser Allee 82 http://www.kamps.de Zwei von Dutzenden weiterer Kaffee-Links: Deutscher Kaffeeverband
SCAE.de Spezialitäten Kaffee Vereinigung - Speciality Coffee in Deutschland
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